Professor Alexander Thomas forscht seit Jahrzehnten auf dem Gebiet der interkulturellen Psychologie. Von einer seiner Studien sagt er, sie sei „ein Augenöffner“ gewesen. Ihre Ergebnisse und die weiterer Untersuchungen zeigen, dass die Teilnahme an internationalen Begegnungen die Persönlichkeitsentwicklung Jugendlicher in einem Ausmaß positiv beeinflussen kann, das bisweilen die Forscher selbst überrascht hat.

Professor Thomas, zu WiesPaten gehört das Modul WiesPaten International, das inzwischen mehr als 80 Jugendliche auf Reisen ins europäische Ausland geschickt hat. Wie wichtig sind internationale Jugendbegegnungen in einer Zeit, in der viele schon von Kindesbeinen an ins Ausland reisen und es ein Leichtes ist, sich via soziale Medien zu vernetzen?

Meines Erachtens, und ich forsche seit mehr als 30 Jahren in diesem Bereich, sind pädagogisch begleitete internationale Jugendbegegnungen gerade heute besonders wichtig. Die Anforderungen, die im Zuge der Globalisierung und Internationalisierung aller gesellschaftlichen Bereiche gestellt werden, sind immens – das betrifft besonders die nachwachsende Generation. Die Entwicklung von interkultureller Handlungskompetenz ist eine der wichtigsten Schlüsselqualifikationen für unser zukünftiges Leben und Arbeiten. Internationale Jugendbegegnungen sind eine hervorragende Schule – und zwar in zwei Richtungen: Sie unterstützen die Persönlichkeitsentwicklung, indem sie zur Herausbildung der sozialen Identität beitragen, Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen stärken. Und sie tragen zur interkulturellen Kompetenzentwicklung bei.

 

Foto: WiesPaten

Internationale Jugendbegegnungen prägen die Entwicklung von Jugendlichen positiv und nachhaltig.

Und das kann beispielsweise eine Reise mit den Eltern nicht leisten?

Internationale Jugendbegegnungen finden in einem ganz anderen Kontext statt. Es sind Gruppenbegegnungen; es entwickelt sich eine Gruppendynamik. Einige Jugendliche, die 14 oder 15 Jahre alt sind, haben noch nie eine Nacht außerhalb ihres Elternhauses beziehungsweise ohne ihre Eltern verbracht. Und viele fürchten sich erst mal vor dem Unbekannten. Dann kommen sie in ein anderes Land, leben vielleicht in einer Gastfamilie, beobachten das Zusammenleben dort und reflektieren ihr eigenes Familienleben. Oder ein anderes Beispiel: Der Gruppenleiter fragt, was die Jugendlichen am Nachmittag unternehmen wollen. Es entwickelt sich eine lebhafte Diskussion. Wegen der unterschiedlichen Interessen kommt man nicht zu einer Lösung. Dann fragt ein Jugendlicher, ob man sich vielleicht in zwei oder drei Gruppen aufteilen dürfe. Alle finden die Idee gut und das Problem ist gelöst. Das ist für ihn ein super Erlebnis von Selbstwirksamkeit.

Sie haben viele Jugendliche befragt, die an internationalen Jugendbegegnungen teilgenommen haben. Von welchen positiven Auswirkungen haben sie Ihnen berichtet?

Ich nenne mal einige Beispiele aus einer unserer Studien: 57 Prozent der Befragten sagten, dass diese Begegnung wichtiger gewesen sei als alle anderen Gruppenerlebnisse. 75 Prozent lehnten die Behauptung ab, die internationale Jugendbegegnung hätte keine Spuren in ihrer Biografie hinterlassen. Ein Großteil derer, die wir befragt haben – 63 Prozent – berichtete davon, dass die Begegnung Selbstvertrauen, Selbstsicherheit, Selbständigkeit und Selbstwirksamkeit gestärkt hat, also das, was wir „Selbstbezogene Eigenschaften und Kompetenzen“ nennen. Die Begegnung hat oft auch zu einer Verbesserung der Sprachkompetenz beigetragen, weil die Jugendliche authentische Spracherfahrungen machen durften und der ein oder andere bemerkt hat: Die verstehen mich, auch wenn ich in der Schule in dieser Fremdsprache schlechte Noten habe. Solche Erlebnisse haben eine motivierende Kraft. Zurück in der Schule findet man die Sprache plötzlich gar nicht mehr langweilig und kniet sich rein. Nicht zuletzt fördern solche Begegnungen Offenheit und Flexibilität.

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Internationale Jugendbegegnungen sind wichtige Gruppenerlebnisse.

Sind diese vielen positiven Effekte nachhaltig?

Ja. Das hat uns selbst überrascht. Wir haben in der Studie, von der ich gesprochen habe, Langzeitwirkungen untersucht. Die Jugendbegegnungen lagen sieben bis zehn Jahre zurück. Ich hatte Sorge, dass sich die ehemaligen Teilnehmer nicht mehr an einzelne Programmpunkte und an das, was sie erlebt und gefühlt haben, erinnern können. Zumal sich gerade in der Zeit zwischen etwa 14 und 22 Jahren so viele Veränderungen vollziehen; das ist der helle Wahnsinn. Und dann sollen sie noch wissen, was sich in diesen ein oder zwei Wochen ereignet hat, und ob das Einfluss auf ihre Persönlichkeitsentwicklung hatte? Aber das Gegenteil war der Fall. Zehn Jahre später konnten sie erstaunliche viele Details wiedergeben. Die internationale Begegnung hat viele der Teilnehmer nachhaltig geprägt. Einige haben uns sogar gesagt, für sie sei die Begegnung ein Wendepunkt in ihrem Leben gewesen.

 

Profitieren die Jugendlichen auch von Begegnungen, die nur ein oder zwei Wochen dauern?

Sie profitieren davon. Die ehemaligen Teilnehmer, mit denen wir Interviews geführt haben, haben an Begegnungen teilgenommen, die nur eine bis maximal vier Wochen gedauert haben. Wir wissen inzwischen, dass sich die Wirkungen kaum unterscheiden – egal, ob die Begegnung nur eine Woche oder deutlich länger dauert.

Sind Erlebnisse und Erfahrungen, wie sie internationale Jugendbegegnungen bieten, für alle Jugendlichen gleichermaßen wichtig?

Alle Jugendlichen würden von diesen Erfahrungen profitieren. Selbständigkeit, Selbstbewusstsein, interkulturelles Lernen etc. sind Fähigkeiten, die Jugendliche brauchen, um sich zu einer selbstbestimmten, selbstverantwortlichen Persönlichkeit zu entwickeln. Tatsächlich ist es aber so, dass vor allem Jugendliche aus höheren Bildungsschichten an den Jugendbegegnungen teilnehmen.

Woran liegt es, dass andere Jugendliche nicht erreicht werden? Schließlich gibt es eine Vielzahl von Initiativen und Organisationen, die internationale Jugendbegegnungen initiieren.

Um ehrlich zu sein: Wir wissen es nicht genau. Vielleicht sehen sie die Möglichkeit gar nicht. Vielleicht erreichen sie die Hinweise auf die vielfältigen Angebote nicht oder die Art der Ansprache ist falsch. Zurzeit läuft eine Studie, die der Frage nachgeht, welche Zugangsbarrieren Jugendliche aus bildungsfernen Schichten davon abhält, solche Angebote zu nutzen. Ein Mangel an finanziellen Mitteln  ist es vermutlich nicht. Die Herausforderung besteht genau darin, diese Jugendlichen zu erreichen. Ich freue mich darüber, dass viele Gymnasiasten an Jugendbegegnungen teilnehmen, aber diese Angebote sollen kein Eliteprogramm sein.

Sind an dieser Stelle – und im Hinblick auf die Entwicklung interkultureller Handlungskompetenz generell – nicht auch die Schulen gefragt?

Theoretisch ja. Viele Programme laufen auch über die Schulen. Aber das Engagement hängt oft von einzelnen Lehrern ab, die sich darum kümmern und dafür vielleicht noch belächelt werden, nach dem Motto: Na, wie war’s in Frankreich? Hat der Wein geschmeckt? Gehen diese Lehrer in den Ruhestand oder an eine andere Schule, war es das dann und es finden keine internationalen Schülerbegegnungen mehr statt. Es gibt ein Modellprojekt „Interkulturelles Lernfeld Schule“ (IKUS), das eine erfolgreiche Kooperation von internationaler Jugendarbeit und Schule ermöglicht, die Zusammenarbeit entwickelt und die Umsetzung erforschte. Daraus wurden Handlungsempfehlungen für Schulen abgeleitet.

 

Wird das Lern- und Bildungspotenzial der internationalen Jugendarbeit und insbesondere der internationalen Jugendbegegnungen in der öffentlichen Diskussion ausreichend zur Kenntnis genommen?

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Die Potenziale internationaler Jugendbegegnungen werden häufig unterschätzt.

 

Meiner Ansicht nach nicht. Die Potenziale werden unterschätzt. Viele Menschen haben nur wenig Ahnung von den jugendbiographischen Entwicklungen und den Unterstützungsfaktoren, die sich aus den vielfältigen Bereichen der nonformalen Bildungsangebote wie z. B. der internationalen Jugendbegegnungen ergeben. Es ist jedenfalls  noch viel Aufklärungsarbeit zu leisten.

Interview: Diana Unkart, CC- Servicebüro

Zur Person

professor_thomasAlexander Thomas lehrte bis zu seiner Emeritierung 2008 an der Universität Regensburg. Dort hatte er die Professur für Sozialpsychologie und Organisationspsychologie inne. Im Jahr 2015 ernannte ihn die Ostbayerische Technische Hochschule Regensburg zum Honorarprofessor für den Bereich internationale Handlungskompetenz. Professor Alexander Thomas forscht vor allem im Bereich der kulturvergleichenden und der interkulturellen Psychologie und gilt als Koryphäe auf diesem Gebiet. Zu den Themenbereichen initiierte und betreute er zahlreiche Forschungsprojekte.

Die Studie "Langzeitwirkungen der Teilnahme an kurzzeitigen internationalen Jugendbegegnungen auf die Persönlichkeitsentwicklung der Teilnehmer", deren Ergebnisse 2007 veröffentlicht wurden, sorgte in der Fachwelt für Aufsehen, weil sie zeigte, dass selbst kurzzeitige internationale Jugendbegegnungen nachhaltige Wirkungen auf die gesamte Persönlichkeit entfalten. Thomas gilt auch als Grandseigneur der internationalen Jugendarbeit. An der Universität Regensburg begründete er einen Studiengang mit, der Studenten aller Fächer auf Auslandaufenthalte vorbereitet. Er ist gefragter Experte und unter anderem Mitglied des Rats für Migration der Bundesrepublik Deutschland.